IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT Drehbuchwettbewerb zu Frauen*figuren jenseits der Klischees.

Preisträger*innen der 1. Wettbewerbsstufe


Am Mittwoch Abend, dem 4. Dezember 2019, fand die feierliche Preisverleihung der ersten Runde des zweistufigen Drehbuchwettbewerbs IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT im Filmcasino in Wien statt.

Das Drehbuchforum Wien, das Österreichischen Filminstitut/gender*in*equality und
FC GLORIA Frauen Vernetzung Film freuen sich sehr, die Preisträger*innen der ersten Wettbewerbsstufe (vom Exposé zum Treatment) von IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT bekannt zu geben:

Die hochkarätige Jury hat aus der großen Zahl von 75 eingereichten Exposés fünf ausgewählt, die jeweils mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro ausgezeichnet wurden. Die Auszeichnung umfasst zusätzlich eine dramaturgische Begleitung durch erfahrene Drehbuchautor*innen, die gemeinsam mit dem Preisträger*innen ausgewählt werden.

Frauen*figuren jenseits des Klischees waren die Vorgabe und die wurde in den Augen der Jury sehr deutlich erfüllt. Ein Blick nur auf die Figuren der ausgezeichneten Filmemacher*innen zeigt eine tschechoslowakische Dissidentin auf der Suche nach einem sicheren Leben in Freiheit als Alleinerzieherin (Perla von Alexandra Makarová), eine übergewichtige Sängerin belastet durch body-shaming (Karolina von Raphaela Möst, sie wurde bei der Preisverleihung von Sarah Zaharanski vertreten), eine Mörderin, die eine offenbar völlig motivlose Bluttat begeht (Der letzte Engel von Calvin Trosien), eine jungen Frau, die ihr bislang zielloses Leben durch Beitritt in eine neurechte Gruppe regelt (Mutterland von Olivia Lauren Requat). Und da ist auch noch das Institut für Probleme der Präsenz, das seinen Klient*innen Maßnahmen zur Anpassung und Normalität anbietet (von Luz Olivares Capelle). Wir gratulieren sehr herzlich und freuen uns auf die Treatments der spannenden Stoffe!

Frauen*figuren auf der Leinwand bestimmen die Bilder von Frauen in unserer Gesellschaft. Role-Models jenseits der Klischees zeigen Handlungsmöglichkeiten auf, machen Mut, üben Kritik und verhelfen Zuschauer*innen dabei, sich neu zu positionieren.
Der 2016 initiierte Drehbuchwettbewerb IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT. Frauen*figuren jenseits der Klischees unterstützt Autor*innen bei der Entwicklung innovativer Frauen*figuren mit dem Ziel mehr Vielfalt, Lebendigkeit und neue Vorbilder in die Drehbücher und damit auch in die österreichischen und internationalen Kinos zu bringen.

Wir danken der fünfköpfigen Jury:

Iris Blauensteiner (Filmemacherin, Autorin, Preisträgerin des Vorjahres)
Elisabeth Gabriel (Filmdramaturgin, Theaterregisseurin)
Barbara Gräftner (Drehbuchautorin, Regisseurin)
Giona Nazzaro (Kurator, Leiter Venice International Film Critic’s Week)
Karina Ressler (Editorin)

Die Preisverleihung fand am 4. Dezember 2019 im Filmcasino in Wien statt.
Musikalische Begleitung: Isabella Forciniti
Im Anschluss luden wir zu Cocktails, Wein und kleinen Imbissen.

Nina Kusturica war die bejubelte Impulsrednerin des Abends, die das Publikum zunächst mit Anekdoten des eigenen Lebens unterhielt und lockte, um dann in die immer noch deutliche Kluft zwischen „nichtweißen“, diversen Akteur*innen in der Filmbranche und ihren Kolleg*innen auf den Schauspielschulen und Akademien einzutauchen, um Macht und Ohnmacht einmal mehr sichtbar zu machen. Am Ende inspirierte sie mit Gedanken der Philosophin Chantal Jaquet und deren Begriff der Komplexion. Die Keynote ist hier nachzuhören >

Auch dieses Jahr findet im Rahmen des Drehbuchwettbewerbs anschließend an die Preisverleihung der 1. Wettbewerbsstufe eine Pitching-Veranstaltung statt, um möglichst vielen Stoffen eine Chance zur Weiterentwicklung zu geben und die Vernetzung von Autor*innen und Produzentinnen und Producerinnen zu fördern. Diese wird am 14. Jänner 2020 veranstaltet.

 
 

Die Preisträger*innen der 1. Stufe des Wettbewerbs

Alexandra Makarová für Perla

Jurybegründung
Anfang der 80er-Jahre in Europa, mitten im Kalten Krieg. In Wien lebt eine tschechoslowakische Dissidentin mit ihrer kleinen Tochter, reibt sich zwischen Kunststudium und nächtlichen Barjobs auf und stillt ihren Lebenshunger mit zahllosen Affären. Bis sie einen Mann trifft, der sich den Erwartungen seiner Familie verweigert hat, wohlhabend ist und Perla trotz vieler Auseinandersetzungen so nimmt, wie sie ist. Doch eines Tages holt ihre Vergangenheit sie ein, vor der sie aus der CSSR geflohen ist und innerlich in Wien noch täglich flieht.
Kann man ein „neues Leben“ beginnen und damit ausradieren, was vorher passiert ist? Wie prägt die Erfahrung von Diktatur und Verfolgung das Leben in der vermeintlichen Freiheit? Und kann ein Land, das einen immer als Fremde sehen wird, jemals zur Heimat werden?
So unterschiedliche Fragen stellt dieser vielschichtige Entwurf für einen Kinofilm, welcher eine Zeit reflektiert, die Europa bis heute prägt. Auch im geeinten Europa wirken die unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen in Ost- und Mitteleuropa nach und prägen bis heute menschliche Beziehungen und gesellschaftliche Entwicklungen wesentlich.
Die Autorin zeichnet eine starke Frauenfigur; zerrissen zwischen ihrer Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang und dem verzweifelten Versuch, sich eine Existenz in einem Land zu erkämpfen, in welchem sie immer „die Ausländerin“ sein wird; zerrissen aber auch zwischen ihrer Mutterrolle und einem unbändigen Lebenshunger, der eine Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Ankommen, zugleich aber eine ständige Versicherung der eigenen Freiheit ist. Wir sehen eine Frau, die an vielen Fronten um ihr Leben kämpft und darum, eine Schuld zu verdrängen. Eine Frau, die keine „reine“ Heldin ist, sondern Ecken und Kanten hat, Licht und Schatten – und eine unbändige Energie.
Differenziert und leidenschaftlich, historisch präzise und über die Zeit weit hinausreichend zugleich hat die Autorin eine Frauenfigur und eine Geschichte geschaffen, die berührt, bewegt, aufregt und Fragen stellt.  

Perla
Wien, die frühen 1980er Jahre. Perla, eine tschechoslowakische Dissidentin und alleinerziehende Mutter, führt eine stabile Beziehung mit dem österreichischen Tibetologen Josef. Als sie einen Anruf ihrer todkranken Jugendliebe aus der Heimat bekommt, der sie zurücklocken will, setzt sie damit nicht nur ihre neu aufgebaute Existenz sondern auch ihre Freiheit aufs Spiel.

Alexandra Makarová
Alexandra Makarová, geboren 1985 in Košice, Slowakei. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zieht sie zu ihrer Mutter, einer Malerin, nach Wien. Studierte am Filmcollege Wien Drehbuch und Regie. Ihre Filme liefen auf internationalen Filmfestivals. Zerschlag mein Herz, ein Drama über in Wien bettelnde slowakische Roma, war ihr Debütfilm. Makarová arbeitet als Filmemacherin in Wien.

 
 
Möst Urkunde

Raphaela Möst für Karolina

Jurybegründung
Der ausgezeichnete Stoff erzählt von einer jungen Frau: einer tollen, aber nicht ausgebuchten Sängerin, zwischenmenschlich begabt, lebenshungrig, „nicht ganz perfekt“ und gerade deshalb interessant. Was diese junge Frau in ihrem Leben begleitet und blockiert: Blicke, Anmerkungen, unerklärbare Ablehnung oder Ambivalenz in Liebesbeziehungen, das ständige Gefühl ausgeschlossen zu werden, Verwirrung und Unsicherheit über die Richtigkeit des eigenen Körpers und der eigenen Gefühle, oder zu enge Autositze.
Die Diskriminierungen in den Kleinigkeiten des Alltags, aber auch die absichtlichen Beschimpfungen ihres übergewichtigen Körpers spiegeln ihr Entwertung wider, so lange bis sie sich selbst darauf reduziert und ihr Selbstbild zersplittert.
Body Shaming richtet sich gegen alle Körper, die nicht der Norm entsprechen. Es beleidigt und diskriminiert. Das kann jeden Körper treffen, aber vor allem trifft es oft weibliche Körper. In einer Gesellschaft der Selbstoptimierung, mit dem Drang zur Perfektion aller Lebensbereiche, die unerreichbaren und unlebbaren Idealen nacheifert, werden Übergewichtige oftmals stigmatisiert und es liegt nahe, dass aus faktisch „ununterbrochen Scheitern“ das eigene Selbstwertgefühl der beschämten Menschen sinkt.
Die Ungerechtigkeit und der Schmerz, die daraus entstehen, werden der Hauptfigur um den bedeutsamen Flügelschlag zu viel, und quellen zu einem Suizidversuch über. Sie bergen aber auch die Möglichkeit für die Hauptfigur sich kraftvoll daraus zu befreien.
Mit feinfühligem Mut und mit empathischer Stärke beobachtet das Expose den Alltag der übergewichtigen Hauptfigur auf der Suche nach Werten, mit denen sie sich identifizieren kann und möchte. Wir erleben ihren Weg hin zu einer nicht-perfekten und durch und durch schönen Persönlichkeit. Wir wünschen uns, dass die Autorin diese eindrucksvollen Momente zu einem Treatment weiterentwickelt.

Karolina
Die stark übergewichtige, 25jährige Karolina arbeitet als Sängerin bei einem Kinderoperntourneetheater. Sie verliebt sich in Henrik und führt mit ihm eine Beziehung, die platonisch bleibt und schließlich scheitert. Daraufhin stürzt sie sich in sexuelle Abenteuer mit Internetbekanntschaften – ein Film über eine Frau jenseits des gängigen Schönheitsideals auf der Suche nach ihrem Selbstwert.

Raphaela Möst
geboren 1987 in München, studierte von 2008 bis 2012 Schauspiel an der Universität der Künste in Berlin. Ihr Erstengagement 2012-14 verschlug sie nach Wien ans Theater in der Josefstadt. Es folgten Rollen u.a. am Schauspielhaus Wien, Residenztheater München, Stadttheater Klagenfurt, an der Volksbühne Berlin und von 2016-18 als Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bochum. Dazwischen war sie immer wieder mal als Autorin und Regisseurin verantwortlich für eigene Theaterprojekte, z.B. im Auftrag des Leo-Baeck-Instituts Berlin, auf der Seebühne Luzern im Rahmen des Gästivals und ab 2020 am Schauspielhaus Graz und den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Raphaela Möst ist Nestroy-Preisträgerin und Preisträgerin des Bochumer Theaterpreises in der Nachwuchskategorie. Sie lebt und arbeitet in Wien.

 
 

Luz Olivares Capelle für Institut für Probleme der Präsenz

Jurybegründung
Das Expose lässt einen rebellischen und gesellschaftskritischen Film der „anderen Art“ erwarten.
Magische Elemente, eingewoben in die Realität dieser Geschichte, fungieren bei der Autorin nicht als Gegensatz zur rationalen Welt, sondern ermöglichen vielmehr einen neuen Blick auf die Realität und öffnen somit die Sinne. Was diese neue Wahrnehmung bewirken kann, wenn wir uns ihrer Führung (sprich: der Führung des zu erwartenden Films) anvertrauen, kann zum Beispiel in uns die Erkenntnis reifen lassen, dass wir selbstverständlich einteilen und damit urteilen, auch wenn wir uns für „vorurteilsfrei“ halten, dass wir Zuordnungen zu Kategorien wie „normal“ und „defekt“ ständig treffen.
Magie und Wunder können als Attribute der Protagonist*innen bezeichnet werden, die in einer speziellen Einrichtung Coaching und Hilfe für die Anpassung an die Normen der Leistungsgesellschaft suchen. Obwohl versehen mit ganz außergewöhnlichen Eigenschaften, wollen diese Protagonist*innen nichts anderes als die gesellschaftlichen Standards erfüllen, woran sie sich als gescheitert betrachten.
Magie, Wunder und Außenseitertum der Figuren stehen für die Ablehnung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse, weil Poesie auf etwas „Höheres“,“Wahreres“, auf das Dahinterliegende verweist.
Das Skript lässt einen Film von fantastischen Motiven durchwirkter Realität erwarten. Diese Sinneseindrücke besitzen eine immaterielle Qualität, sie besitzen Sensationen der kindlichen Wahrnehmung, die gleichzeitig eine Irritation des etablierten, sozusagen elterlichen Status quo darstellen und daher auf eine unschuldige aber überhaupt nicht harmlose Art subversiv sind. Es geht in Wahrheit um Rebellion. Auf diese Reise zur subversiven Wahrnehmung, die wir uns vom Skript “Institut für Probleme der Präsenz“ von Luz Olivares Capelle versprechen, wollen wir uns gerne mitnehmen lassen.

Institut für Probleme der Präsenz
Sein und nicht sein sind in der Welt dieser Geschichte gleichermaßen greifbare und reale Existenzformen. Eine Gruppe von Personen leidet an einem Problem, welches abgesehen von allen Unterschieden im Kern dasselbe ist: niemand von ihnen vermag eine zu 100% kohärente Person zu sein, mit einer stabilen, geschlossenen und funktionalen Identität.
Das Institut für Probleme der Präsenz bietet ihnen über Mediziner und Coaches an, was ihnen allen fehlt: „ANPASSUNG“ und „NORMALITÄT“.
Wird das die Lösung ihrer Probleme sein?

Luz Olivares Capelle
In Rufino (AR) geboren und aufgewachsen.
Nach ihrem Regie-Studium an der E.N.E.R.C. (Nationalinstitut für filmische Experimentation) Buenos Aires, hat sie an der Filmakademie Wien ein Regie-Mastetstudium bei Prof. Michael Haneke abgeschlossen. Ebenso studierte sie an der Akaemdie der Bildenden Künste bei Prof. Gunter Damisch und Veronika Dirnhofer in der Klasse für Grafik und druckgrafische Techniken.
Für ihren Film Wald der Echos erhielt sie unter anderem den Österreichischen Filmpreis, Max Ophüls Preis, bester österreichischer Kurzfilm beim Vienna Independent Shorts, bester Kurzspielfilm auf der Diagonale und den Thomas Pluch Preis für bestes Kurzfilmdrehbuch. 2019 war sie Teilnehmerin beim Berlinale Talent Campus.

 
 

Olivia Lauren Requat für Mutterland

Jurybegründung
Ein starkes und herausforderndes Projekt. Eine Frau ist auf der Suche nach einem Platz und einer Welt, in der sie existieren und sie selbst sein kann. In einer sich ununterbrochen ändernden Welt, in der vorgefasste Meinungen zu Gender und Identität sich ständig verschieben, zeigen Ideologien, die wir als vergessen glaubten oder zumindest als inakzeptabel erachten, wieder ihr hässliches Gesicht. Es ist schrecklich einfach, unglaublich schlechte Entscheidungen zu treffen. Unrecht zu erfahren, während man der Meinung ist, man hat endlich Verständnis, Respekt und Hilfe bekommen. Das Projekt, das die Jury auszeichnet, formuliert Fragen, die tief verbunden sind mit den komplexen und gefährlichen Zeiten, die uns alle in dramatischer und potenziell extrem cinematographischer Weise an sie binden.

Das Projekt schreckt nie vor den Widersprüchen oder den Frustrationen zurück, die einhergehen mit der Sehnsucht nach Akzeptanz und der Möglichkeit Teil einer Gruppe zu sein. Fundamentale Fragen zu den Elementen der Basis einer herkömmlichen politischen oder ethnischen Identität werden aufgeworfen. Sprache, Kultur und Vorurteile werden uneingeschränkt ausgeleuchtet, nichts bleibt verborgen. Wer sind heute unsere Freunde und Freundinnen, wer unsere Verbündete? Wem können wir vertrauen. Und wie können wir den Kreis der Lügen, der Gewalt, der Ausbeutung durchbrechen? Und abgesehen von all dem: Was kann eine Frau tun, wenn sie wieder einmal misshandelt und entwürdigt wurde? Das Projekt, das die Jury auszeichnet, konfrontiert all diese Fragen und wirft noch weitere auf, alle gleich brennend, alle politisch radikal. Dieses Projekt spricht die einzige Sprache, die heute zählt, im Kino und in der Gesellschaft: Die Sprache der Veränderung, sowohl ästhetisch, als auch politisch. Die Sprache des Bewusstseins.


Mutterland
Barbara (19) will mehr als was ihr das Leben als junge Frau gerade bietet. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Anerkennung, mehr Bewegung. Ihre Suche danach führt sie zu Abendland, einer neurechten Wiener Gruppe. Aber sowohl das neu(recht)e Leben, das sie sich selbst aufbaut, als auch ihr Versuch die Grenzen ihrer Rolle als Frau innerhalb der Szene neu zu definieren, bedeuten für sie auch immer mehr Gefahr.

Olivia Lauren Requat
1994 in Wien geboren. Als Tochter einer puerto-ricanischen Mutter aus der New Yorker Bronx und einem österreichischen Vater aus dem 17. Wiener Gemeindebezirk ist sie es gewohnt gefragt zu werden, wo denn ihre „Wurzeln“ liegen. Eine Antwort auf diese Frage sucht sie bis heute, auch in ihrem Schreiben.
Sie ist gründendes Mitglied des Autorinnenkollektivs Fremdstoff (www.fremdstoff.com) und schreibt an zahlreichen Film- und Serienproduktionen. Seit 2016 studiert sie Drehbuch an der deutschen Film- und Fernsehakademie und schreibt in englischer und deutscher Sprache.

 
 

Calvin Trosien für Der letzte Engel

Jurybegründung
Wir könnten unseren Alltag nicht leben, wären wir nicht mit einem Weltvertrauen ausgestattet, mit dem Glauben an Kausalität und an geschriebene und ungeschriebene Sozialkontrakte. Wie reagieren wir jedoch auf Ereignisse, die ein Resultat völliger Willkür und ohne jeden Sinn zu sein scheinen?
Gedankenspiele im nihilistischen oder existentialistischen Raum haben ihre Helden in der bildenden Kunst, im Film, in der Literatur. Wir kennen sie von männlichen Tätern, die Raskolnikow (Dostojewski), Peter und Paul (Haneke) oder Meursault aus Der Fremde von Camus heißen. Mit dem vorliegenden Stoff steigt eine Frau in den Ring der düsteren Helden ohne Mitleid.
Was wünscht sich unsere Protagonistin? Eine Familie, einen Freund, einen speziellen Beruf, eine Stellung in der Öffentlichkeit? Wir werden es nicht erfahren, es scheint zu banal, sie danach zu fragen. Aber wir fragen sie, ob sie sich eingliedern will in die Gemeinschaft, die sie umgibt oder ob sie sich nach einer Position der Fremdheit sehnt? Vielleicht beides. Sie will dazugehören und sie will dennoch das Einzigartige tun.
Eingebettet in ein sogenanntes normales Leben mit Uni-Alltag, Treffen mit Freunden, Kochen, Sex und Gesprächen, entscheidet sie sich für das gänzlich Abnormale. Sie testet eine Idee. Sie lebt kurz eine Theorie aus. Aus heiterem Himmel, wie es scheint.
Sie verlässt die Stadt, steigt in den Zug, dann in den Bus, der sie zu einem Haus am Rande eines Dorfes bringt. Wie eine eiskalte Soldatin führt sie dort ohne zu zögern ihren Plan aus – sie ermordet eine Familie, zu der sie keinen Bezug hat. Danach wäscht sie ihre blutige Kleidung und trifft eine Freundin in einer Bar ohne ihre Tat zu erwähnen.
Es interessiert uns, wie die philosophische Vorgabe dieses Exposés zu einer filmisch packenden Erzählung ausgebaut werden kann. Und wie der Autor mit den moralischen Fragen umgeht: Kann eine Tat wie diese die Täterin unerschüttert lassen? Können ein Mensch und seine Handlungen als reines Abstraktum gesehen werden – jenseits psychosozialer Erklärungsmuster und jenseits von Empathie?

Der letzte Engel
Die Studentin Emilia Vogel kommt zu dem Schluss, dass es sehr einfach ist, einen Mord ohne Motiv zu begehen. Sie macht sich auf den Weg, jemanden zu töten. Sie erfüllt sich ihren Wunsch bei einer fünfköpfigen Familie in Niederösterreich.

Calvin Trosien
studiert Drehbuch an der Filmakademie Wien. Davor hat er in Berlin gelebt, fünf Jahre lang, und dort als Galerist, Lieferfahrer, Kassierer, Goldschmied, Olivenölhändler, Ticketabreißer, Sekretär, Kellner, Modeverkläufer und Schauspieler gearbeitet. Er hat im Alter von fünfzehn Jahren die Schule abgebrochen und studiert deshalb noch nicht besonders lange. Er hat im Jahr 2015 aus Versehen den Premio Nazionale delle Arti in Italien gewonnen und war als Pressesprecher einer Gewerkschaft eines bekannten Lieferservices aktiv. Seine Vorbilder sind Chantal Akerman, Julia Ducournau, Roger Willemsen und Kristin Hayter. Sein Lieblingsfim ist momentan Parasite.

 
 

Die Jury

Die hochkarätige Jury prämiert die Gewinner*innen der ersten und zweiten Wettbewerbsstufe.

 
 
 
 
 
 
 

IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT

Ausschreibung des 4. Drehbuchwettbewerbs 2019/2020


Wir freuen uns sehr, den zweistufigen Drehbuchwettbewerb IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT. Frauen*figuren jenseits der Klischées gemeinsam mit dem Österreichischen Filminstitut zum 4. Mal auszuschreiben. Mit insgesamt 20.000 Euro und zusätzlicher dramaturgischer Begleitung, vom Exposé über Treatment zum Drehbuch, ist der jährlich vergebene Hauptpreis der höchstdotierte Drehbuchentwicklungspreis in Österreich.

Durch unseren Drehbuchwettbewerb fühlen sich viele Autor*innen ermutigt, bewusst differenzierte Frauen*figuren zu entwickeln und andere Stoffe zu erzählen. Seit 2016 wurden 215 Exposés aller Genres von 75% Frauen* und 25% Männern* eingereicht. 15 Drehbuchautor*innen wurden in diesem Zeitraum in der 1. Stufe (Exposé) mit jeweils 5.000 Euro ausgezeichnet. Bereits drei Mal wurde der Hauptpreis aus den in Folge entwickelten Treatments von jeweils 15.000 Euro vergeben.

Aus zwei dieser Hauptpreise sind bereits vielversprechende Drehbücher entstanden – Golden Shadow von Katrina Daschner und Trude von Lisa Terle und wir hoffen auf deren Realisierung. Bei den Pitchings mit Produzentinnen und Producerinnen wurden insgesamt 65 Stoffe in konstruktiver Atmosphäre von den Drehbuchautor*innen vorgestellt.

Die Auswahl der Preisträger*innen haben in den vergangenen drei Jahren renommierte Jurymitglieder vorgenommen: Barbara Albert, Andrea Braidt, Katrina Daschner, Eva Flicker, Christian Frosch, Nike Glaser Wieninger, Valeska Grisebach, Lukas Miko, Lydia Mischkulnig, Johanna Moder, Lisa Terle, Cornelia Travnicek, Helene van der Meulen und Wolfgang Widerhofer. Die Umsetzung der einzelnen Projekte zur Entwicklung zum Treatment wurde von erfahrenen Dramaturg*innen wie z.B. Barbara Albert, Christian Frosch, Valeska Grisebach, Sonja Heiss und Marie Kreutzer begleitet.

Es ist uns auch immer wichtig zu den Preisverleihungen inspirierende Rednerinnen zu gewinnen, um damit das anwesende Publikum und die Öffentlichkeit weiter zu unserem Anliegen zu sensibilisieren, dem Thema Frauenfiguren jenseits der Klischées noch breitere Aufmerksamkeit zu verschaffen und Drehbuchautor*innen spannende Impulse zu geben. In der Vergangenheit haben wir dazu Barbara Albert und Jessica Hausner zu Werkstattgesprächen eingeladen, sowie Jutta Brückner, Maya Götz und Sibylle Hamann als Keynote Speakerinnen. Die Reden und Gespräche sind alle auf unserer Webseite nachzuhören.

Weltweit entstehen mittlerweile viele Initiativen von Schauspielerinnen, Förderinstitutionen und Verbänden zur Entwicklung von Drehbüchern mit nicht stereotypen Rollen für Frauen und mehr Diversität. Für manche von ihnen sind wir Role-Models mit unserem Drehbuchwettbewerb. Das Schwedische Filminstitut hat gerade eine 300.000 Euro Drehbuch-Programm gestartet, um Drehbuchautorinnen zu unterstützen, Spielfilme mit höherem Budget (über 3 Millionen) zu entwickeln, das wiederum kann inspirierend für uns sein.

Diversität ist heute aber längst nicht nur eine Gender-Thematik. Die weltweite Forderung nach mehr Diversität soll auch Role-Models für verschiedene Altersstufen entstehen lassen und Role-Models, um gegen verschiedene Backlash Tendenzen anzukämpfen. Eine plurale und diverse Gesellschaft spiegelt sich viel zu wenig in unseren Filmen, die noch mehr Menschen mit migrantischem Hintergrund, People of Color, LGBT-Personen oder Menschen mit Behinderungen einschließen könnten. Es gilt auch ethnokulturelle Klischees zu durchbrechen, die #OscarsSoWhite-Debatte sollte sich zusehends auch mehr auf Drehbücher auswirken.

Mit der erneuten Ausschreibung wollen das Drehbuchforum Wien und das Österreichische Filminstitut dazu beitragen, dass heimische Autor*innen ihre Ideen in einem finanziell abgesicherten Rahmen frei ausarbeiten können, ohne (wie oft üblich) in Vorleistung zu gehen und ohne sich an vermeintlichen Erfolgsrezepten orientieren zu müssen.
Wir hoffen in Folge auch auf das Interesse der Produktionsfirmen und Förderstellen, die entstehenden, mutigen und ungewöhnlichen Geschichten weiter zu unterstützen.

 

Details zur Einreichung


Der zweistufige Drehbuchwettbewerb richtet sich an die österreichische Filmbranche, teilnahmeberechtigt sind Drehbuchautor*innen und Nachwuchsautor*innen österreichischer Nationalität oder EWR-Bürger*innen mit ständigem Wohnsitz in Österreich.
Einzureichen sind Exposés für abendfüllende Kino-Spielfilme mit mindestens einer zentralen Frauenfigur.

Eine Initiative von Drehbuchforum Wien, dem Österreichischen Filminstitut/gender*in*equality und FC GLORIA Frauen Vernetzung Film

Der Drehbuchwettbewerb IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT wird zusätzlich zu den gut dotierten Preisgeldern und der dramaturgischen Begleitung der Preisträger*innen auch wieder ein Pitching mit Produzentinnen von 16-18 Stoffen aus der Shortlist beinhalten, um möglichst vielen der für den Wettbewerb entwickelten Einreichungen einen guten Start in die Drehbuchentwicklung zu geben.

Einzureichen sind Exposés für abendfüllende Kino-Spielfilme mit mindestens einer zentralen Frauen*figur


Einreichunterlagen

Einreichungen sind in 6-facher Ausführung per Postweg an das drehbuchFORUM Wien zu richten (es zählt der Poststempel) oder können persönlich abgegeben werden.
Die Einreichunterlagen sind in Schriftgröße 12 Punkt und auf Deutsch (nach Rücksprache und nur in begründeten Fällen in Englisch) vorzulegen und mit einem Deckblatt (Titel und Autor*in) zu versehen.

Das Einreichformular ist extra und nur einmal beizulegen. Medien (DVDs, etc.) mit Arbeitsproben oder Referenzfilmen jeglicher Art können nicht berücksichtigt werden.
Die Teilnehmer*innen haben keinen Anspruch auf Ersatz von im Rahmen der Wettbewerbsteilnahme entstandenen Kosten.
Die Teilnehmer*innen nehmen zur Kenntnis, dass die eingereichten Exposés aus arbeitstechnischen Gründen nicht zurückgeschickt werden können.


Teilnahmebedingungen

Einreichfrist: 10. September 2019
(es zählt der Poststempel)

Preisgeld
1. Stufe: 5× 5.000 Euro und dramaturgische Begleitung zur Entwicklung eines Treatments
2. Stufe: 1× 15.000 Euro und dramaturgische Begleitung zur Entwicklung eines Drehbuchs

Zeitplan
1. Stufe
Einreichungsfrist 10. September 2019
Mitte November: 1. Jurysitzung
Ende November: 1. Preisverleihung
Anfang Dezember: Pitching mit Produzentinnen

2. Stufe
Ende Mai 2020: Abgabe Treatments
Anfang Juni 2020: Hauptpreisverleihung

Die Gespräche und Reden zu den Preisverleihungen zum Nachhören finden Sie im Archiv >

 
 
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