IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT

Preisträger*innen des 6. Drehbuchwettbewerbs 2021/2022 - erste Stufe

Am Montag Abend, dem 13. Dezember 2021, fand die feierliche Preisverleihung der ersten Runde des zweistufigen Drehbuchwettbewerbs IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT online statt. Das Drehbuchforum Wien, das Österreichischen Filminstitut/gender*in*equality und FC GLORIA Frauen Vernetzung Film freuen sich sehr, die Preisträger*innen der ersten Wettbewerbsstufe (vom Exposé zum Treatment) von IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT bekannt zu geben:

Die Geschichte einer Schlepperin in einer postapokalyptischen Zukunft (Glimmer), die Witwe eines Bergbauarbeiters, die sich gegen ihre Umsiedelung sträubt (Unter Tage), eine Biologin, die einen Umweltskandals aufdeckt und ihren alten Hexenzirkel wieder aufleben lässt (Der unerhörte Fraum), 2 Teeny-Rapstars, die gegen eine Autobahn aufbegehren (Wie man ein Alpenkönig wird) und die Geschichte eines Mädchens, das aus einer sadistischen Sekte entkommt (Secret Anastasia) – klingt nicht nach klassischem Heimatfilm, soll es auch nicht sein. Herzliche Gratulation an die Preisträger*innen!

Die Jury vergab auch drei Special Mentions

Maximilian Fürst für Flucht nach Vorne
Elisabeth Gollackner für Die Autobahn-Christl
Daniel Andrew Wunderer für Im Kalkkreis

Die Einreichungen waren einfallsreich und vielfältig und spiegelten in ihrer breiten Themenbehandlung die unterschiedlichen Zugänge zum kontroversen Begriff „Heimat“ wider. In beeindruckender Weise haben alle Autor*innen sehr aktuelle Bezüge innerhalb eines Genre-Rahmens hergestellt und neugierig auf die Fortsetzung ihrer weiteren Bearbeitung der Stoffe gemacht.

 

Die hochkarätige Jury hat aus der großen Zahl von 41 eingereichten Exposés 5 ausgewählt, die jeweils mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro ausgezeichnet wurden. Die Auszeichnung umfasst zusätzlich eine dramaturgische Begleitung durch erfahrene Drehbuchautor*innen, die gemeinsam mit den Preisträger*innen ausgewählt werden.

Wir danken der fünfköpfigen Jury:

Tina Leisch, Film-, Text- und Theaterarbeiterin
Sabine Scholl, Autorin, Essayistin
Anna Schwingenschuh, Drehbuchautorin, Film- und Fernsehmacherin, Haupt-Preisträgerin des Vorjahres
Titus Selge, Drehbuchautor, Regisseur
Weina Zhao, Drehbuchautorin, Filmemacherin, Preisträgerin 2017/18

 

Die Vielfalt der Einreichungen
Wir bekamen 41 Exposé-Einreichungen von 60% Frauen* und 40% Männern*, normalerweise bei Projekt-Einreichungen ist es ja umgekehrt gewichtet, nämlich dass 70 % Männer und 30 % Frauen einreichen. Ein klares Zeichen dafür, dass es genug Frauen gibt, die schreiben, sie müssen sich nur willkommen fühlen und es ist in diesem frühen Stadium auch noch mit weniger Hürden verbunden.

Pitching
Zum Pitching mit Produzentinnen und Producerinnen, das Ende Jänner 2022 entweder in person oder online stattfinden wird, wurden von der Jury 14 weitere Stoffe ausgewählt, wodurch diesen dadurch ein guter Start in die Stoffentwicklung gegeben werden kann. Die Preisträger*innen können erstmals auch bei dem beliebten Pitching in kleinen Runden teilnehmen.
Das Pitching findet wie immer als Kooperation von Drehbuchforum Wien, FC Gloria Frauen Vernetzung Film, Film Fatale – Interessensgemeinschaft österreichischer Producerinnen & Produzentinnen, Propro Produzentinnenprogramm, Fachvertretung Film und Musikwirtschaft der WKW und Österreichisches Filminstitut/gender*in*equality statt.

Keynote
Die Keynote kam dieses Jahr von der Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu M. Sanyal, die sich in ihrem Beitrag zum Sammelband Eure Heimat ist unser Alptraum und ihrem kürzlich erschienenen Roman Identitti mit Themen wie Identitätspolitik, Rassismus und Feminismus beschäftigt. Im Gespräch mit Wilbirg Brainin-Donnenberg ging sie besonders auf ihren Zugang zum Heimatbegriff und Diversität ein.

Ausblick
Die fünf ausgewählten Stoffe werden bis Mitte Mai 2022 zu Treatments weiterentwickelt und stehen dann erneut im Wettbewerb. Einer der Stoffe wird durch die Jury mit einer weiteren Förderung von 15.000 Euro ausgezeichnet. In dieser Phase geht es um die Entwicklung vom Treatment zu einem fertigen Drehbuch. Auch diese Phase schließt eine dramaturgische Begleitung mit ein.

Dank an das Österreichische Filminstitut – unserer Partnerin des Wettbewerbs – danke an Iris Zappe-Heller und Roland Teichmann für ihr kontinuierliches Engagement und die Finanzierung des Wettbewerbs, um den uns viele beneiden.

Die Pressemappe zu den Preisträger*innen finden Sie hier >
 
 

Die Preisträger*innen der 1. Stufe des Wettbewerbs


Monika FarukuoyeDer unerhörte Fraum

Jurybegründung
In ihrer Kindheit sind Cass, Isabelle und Ralph unzertrennlich. Bei einem spielerischen Hexenritual geben sie dem Wald ein Versprechen, damit er ihnen ihr tiefstes, persönlichstes Geheimnis verrät. Das Zeremoniell wird ihnen aber zu unheimlich und sie brechen es ab. Am nächsten Tag wird eine von ihnen das Dorf verlassen. Das war es mit dem Freundeskreis, wäre da nicht ein neuartiger, fluoreszierender Baumpilz im Wald aufgetreten, der Cass als Biologin nach vielen Jahren wieder an diesen Ort zurückbringt.
Der Heimatbegriff wird in dieser mäandernden Geschichte zwischen Naturwissenschaft und Magie, zwischen Umweltverschmutzung und Metamorphose, zwischen Emotion und Analyse versucht begreifbar zu machen und bleibt dennoch ein Geheimnis. Hier herrscht ein Geist mit enervierenden Charme, dem wir nicht widerstehen konnten.
Wohin führt uns Monika Farukuoye mit ihrer Geschichte zum Spielfilm »Der Unerhörte Fraum«?
Wir sind sehr gespannt auf das Treatment und gratulieren Monika Farukuoye herzlich.

Der Unerhörte Fraum
Eine Biologin mit österreichisch-ugandischen Wurzeln, die zur Feldforschung in ihr Heimatdorf in den Hohen Tauern zurückkehrt, sieht sich dort mit einer Freundin und einem Freund aus Kindheitstagen wieder vereint. Damals ein kindlicher Hexenzirkel, spüren die drei einem möglichen Umweltskandal nach, nähern sich aber erfolgreicher der Frage, was innere, was äußere Heimat ausmacht-in Erfüllung eines längst vergessenen Pakts mit dem Wald.

 
 
 

Gloria GammerWie man ein Alpenkönig wird

Jurybegründung
In einem Nicht-Ort fernab jeglicher Alpenparadies Ästhetik, unweit von Attnang-Puchheim leben die Teenager Billie und Rabia. Während ihre weißen Mitschüler*innen sich für Fridays For Future engagieren, üben die beiden für ihre Rapperinnen Karriere. Als eine Autobahn mitten durch das Dorf gebaut wird, gerät ihr Leben aus den Fugen. Doch anstatt sich mit ihrem Schicksal abzufinden, werden die beiden zu Ökoterroristinnen, die sich mit radikalen Mitteln Gehör verschaffen. „Wie man ein Alpenkönig wird“ ist eine humorvolle coming-of-age-story, der es gelingt Klimagerechtigkeit und Migration in einem modernen Heimatfilm zu vereinen. Gloria Gammer wirft somit höchstaktuelle Fragen auf: Was bedeutet Heimat für Menschen, die in ihrem Zuhause ihr Leben lang als fremd betrachtet werden? Welche Rolle spielt die soziale Zugehörigkeit im Umweltaktivismus? Ist die profitorientierte Zerstörung von Lebensräumen nicht schlimmer als die Zerstörung von umweltschädlichem Privateigentum? Radikal, aber ohne Gewalt zu glorifizieren, fantasievoll und realistisch zugleich, erzählt Gammer von zwei jungen Heldinnen, die wir unbedingt im Kino sehen wollen. Herzliche Gratulation an Gloria Gammer zu Wie man ein Alpenkönig wird!

Wie man ein Alpenkönig wird
Rabia und Billie träumen von einer autolosen Alpenrepublik, von einer schönen Landschaft ohne sie trennende Autobahn, und von sich als Rapstars oder Alpenkönig. Als ihr friedlicher Protest von der Politik nicht in der gewünschten Form ernst genommen wird, greifen sie zu radikaleren Mitteln. Man erklärt sie zu Terroristinnen, der Feuilleton spricht von ihnen als die rappenden Nachfahrinnen Thomas Bernhards.

 
 
 

Gabriele B. NeudeckerSecret Anastasia

Jurybegründung
Nun, da Verschwörungserzählungen und esoterische Ideen eskalieren, erhält Secret Anastasia mit Schauplatz einer christlichen Sekte im Salzburger Land besondere Dringlichkeit. Die Autorin hat die Strategien dieser tatsächlich existierenden Gemeinschaft recherchiert, auch um den Missbrauch des Begriffs Heimat als Ort ungetrübter Naturverbundenheit zu konterkarieren. Besonders von der Gesellschaft Vernachlässigte, wie alleinerziehende Mütter, lassen sich von deren Hilfsangeboten verführen. Befinden sie sich einmal im Inneren der Sekte, müssen sie strenge Regeln befolgen, wie die aufgeweckte 12jährige Leonie bald bemerkt. Freundschaften werden verhindert, Kritik mit harter Strafe und Psychoterror gelöscht. Leonie versucht wiederholt Botschaften an die Außenwelt zu senden. Die Gegensätze von heilem Image nach außen hin und repressiven Vorgängen im Inneren schaffen ein Spannungsfeld, das besonders Kindern schadet. Der Film wird getragen von Leonies Befreiungsversuchen und deren Rückschlägen. Knapp bevor ihre Kraft in einem Exorzismus gebrochen werden soll, wird das Mädchen gerettet. Ein wichtiges und mutiges Projekt. Gratulation an Gabriele B. Neudecker zu Secret Anastasia!

Secret Anastasia
Als die 12-jährige Leonie mit Mutter und Bruder am idyllischen Anastasia-Hof einzieht, glaubt sie sich im Paradies. Doch die Träume der dort lebenden Menschen werden skrupellos ausgenutzt. Auch Leonie erfährt in der Gemeinschaft der „Schaffenden Christen“ Unterdrückung, Gehirnwäsche und martialische Strafen. Die Leiterin der fundamentalistischen Bewegung entpuppt sich als sadistische Psychopathin, die Menschen zu ihrem Spielzeug macht. Leonie ist gefangen in einem dunklen Netz aus Angst, Abhängigkeit und Gewalt-doch sie will fliehen.

 
 
 

Klara von VeeghGlimmer

Jurybegründung
Bei einem Flugzeugabsturz kommen bis auf die junge Wissenschaftlerin Celia alle Passagiere ums Leben. Sieben Jahre später hilft Celia Flüchtlingen dabei, die Grenze nach Österreich zu überqueren. Männer, Frauen und Kinder, deren letzte Hoffnung die Schlepperin ist. Nein, dies ist kein Stück aus der Gegenwart unserer Nachrichtensendungen. „Glimmer“ spielt in einer postapokalyptischen Zukunft, die Welt wird vom Chaos beherrscht, es gibt längst keine Sendungen mehr, die über Flüchtlinge berichten und es würde sich auch niemand mehr dafür interessieren. Mitgefühl, Moral, Gut und Böse – all das ist längst zersplittert wie die Gesteinsschichten des titelgebenden Minerals. Nur irgendwo in Nordeuropa, in Schweden vielleicht, soll noch so etwas wie eine Gesellschaft existieren. Dort hofft auch Celia auf einen Neuanfang. Denn in Wahrheit ist auch sie auf der Flucht. Vor der Erinnerung an ihre Tochter, die sie bei dem Flugzeugabsturz verloren hat. Als der verfolgte Schriftsteller Lovis mit der siebenjährigen Kora im Schlepptau auftaucht, um sich über die Grenze bringen zu lassen, gelingt es Celia nicht länger, die Schatten der Vergangenheit zu verdrängen.
Klara von Veegh wirft einen unerschrockenen Blick auf eine dystopische Welt von morgen, die der unseren furchtbar ähnelt. Sie schaut dabei durch die Brille eines Fantasythrillers. Ihre Protagonistin hat das Zeug zu einer Superheldin, der man die Rettung der Menschheit zutrauen möchte. Obwohl, nein weil sie selbst eine Verwundete ist. Es geht in dieser Geschichte um nichts weniger, als um die Empathie, die das Menschsein im Kern ausmacht.
Wir erhoffen uns bildstarkes Kino zu diesem wichtigen Thema und möchten die Autorin durch unseren Preis ermutigen. Herzlichen Glückwunsch an Klara von Veegh zu Glimmer!

Glimmer
In einer postapokalyptischen Welt, die von Gewalt und Chaos geprägt ist, ist die Schlepperin Celia für viele Menschen die einzige Hoffnung zu überleben. Als der Flüchtling Lovis sie bittet, ihn und seine Tochter Kora über die Grenze in den österreichischen Bergen zu führen, wird Celia mit ihrer grausamen Vergangenheit konfrontiert und muss buchstäblich aufbrechen, um heimzufinden.

 
 
 

Judith ZdesarUnter Tage

Jurybegründung
Ein gefräßiges Loch in der Erde verschlingt Häuser, Menschen, Lebenspläne und das Urvertrauen. Judith Zdesar hat, beruhend auf realer Bergbaugeschichte, ein bildgewaltiges Szenario geschaffen, das gleichzeitg als Sinnbild für den Verlust des festen Bodens unter den Füßen funktioniert, den wir durch unserem verantwortungslosen Umgang mit der Natur selber verschuldet haben. Auch die Gegenüberstellung des gewachsenen Ortes mit der am Reißbrett entworfenen und aus Betonfertigteilen in die Wiese gestellten neuen Siedlung verspricht filmische Bilder von großer Klugheit für die “Endlifecrisis” einer alternden Frau, die einsehen muss, dass, egal wie alt man ist, Leben immer Bewegung, Weitergehen, Veränderung bedeutet und Verweigerung der Veränderung unweigerlich: Stillstand, also Tod. Wir gratulieren zur Auszeichnung für diese überraschende und spannende Aufbereitung eines nicht unüblichen Mutter-Tochter-Konfliktes. Herzliche Gratulation an Judith Zdesar zu Unter Tage!

Unter Tage
Dreißig Jahre nach einem Grubenunglück, bei dem auch ihr Mann ums Leben gekomen ist, soll Rosa, aufgrund gefährlicher Absinkungen im Erdreich, in das dafür neu gebaute Zwillingsdorf Edlingen II umgesiedelt werden. Rosa, eine pensionierte Ärztin und umtriebige Gemeindepolitikerin, denkt nicht daran, ihr Zuhause zu verlassen. Als ihr Enkel in einem der Krater verunglückt, muss sie in das ungeliebte neue Zuhause ziehen und sich der Veränderung in der Umgebung und in ihrem Leben stellen.

 
 
 
Mithu M. Sanyal
 
 

IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT

Ausschreibung des 6. Drehbuchwettbewerbs 2021/2022


Zweistufiger Drehbuchwettbewerb zu Frauen*figuren jenseits der Klischées.
Schwerpunkt: Heimatfilm

Wir freuen uns sehr, gemeinsam mit Österreichischen Filminstitut/gender*in*equality die Ausschreibung der 6. Ausgabe von IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT Frauen*figuren jenseits der Klischees bekannt geben zu können.
Der zweistufige Drehbuchwettbewerb richtet sich an die österreichische Filmbranche, teilnahmeberechtigt sind Drehbuchautor*innen und Nachwuchsautor*innen österreichischer Nationalität oder EWR-Bürger*innen mit ständigem Wohnsitz in Österreich.

Preisgeld
1. Stufe: 5× 5.000 Euro und dramaturgische Begleitung zur Entwicklung eines Treatments
2. Stufe: 1× 15.000 Euro und dramaturgische Begleitung zur Entwicklung eines Drehbuchs

Einzureichen sind Exposés für einen abendfüllenden Kino-Spielfilm mit mindestens einer zentralen Frauen*figur.

Pitching
Um möglichst vielen der für den Wettbewerb entwickelten Einreichungen einen guten Start in die Drehbuchentwicklung zu geben, wird die Jury auch wieder 14 Stoffe für ein Pitching der Autor*innen vor Produzentinnen und Producerinnen auswählen, das nach der 1. Preisverleihung als Kooperation von Drehbuchforum Wien, Österreichischen Filminstitut/gender*in*equality, FC GLORIA Frauen Vernetzung Film, film fatale, pro pro Produzentinnenprogramm und Fachvertretung Wien Film- und Musikwirtschaft in der WKW stattfinden wird.

Die Einreichfirst endete am 13. September 2021
Einreichformular >

 

Zeitplan


1. Stufe
Einreichungsfrist: 13. September 2021
Anfang Dezember: 1. Jurysitzung
13. Dezember 2021: 1. Preisverleihung (online)
Mitte Jänner: Pitching-Coaching
Ende Jänner 2022: Pitching mit Produzentinnen und Producerinnen

2. Stufe
Ende Mai 2022: Abgabe Treatments
Anfang Juni 2022: Hauptpreisverleihung (in Person)

 
 

Schwerpunkt: Heimatfilm


Nachdem 2020 der Fokus auf dem Genre Komödie lag, soll in der 6. Runde der Heimatfilm im Fokus stehen.

Heimatfilm ist ein Genre, das mit mindestens so vielen Stereotypien verbunden ist wie die darin vorkommenden Frauen*rollen. Die Herausforderung, das eine mit dem anderen zu konterkarieren, sollte eine spannende Auseinandersetzung ergeben, die einen kontaminierten Begriff zeitgemäß bewertet und gleichzeitig die Frauen*figuren im Sinne des Wettbewerbs von tradierten Klischees abrückt.

Der Heimatfilm hat im Zuge seiner Geschichte viele verschiedene Schattierungen erfahren. Im Wesentlichen geht es aber immer auch darum, den Hintergrund einer Erzählung, der auf die unmittelbare, nationale natürliche Umgebung gelegt ist, auf verschiedene Genrevariationen anzuwenden.

Beispiele sind etwa Öko/Polit-Thriller, die Korruption und ökologische Verbrechen aufdecken (Wasserqualität, Flächenwidmungen, Straßenplanung, Förderung von Massentourismus usw…), oder Fantasystoffe, die aus Legenden entstehen und die archaische Rituale (Horror/Suspense-Genre) in die Jetztzeit bringen (Zauberei, Hexenwahn, verwunschene Orte usw…), oder auch der mittlerweile beliebte Typus des “Landkrimis” (pfiffige Dorfpolizist*in ist cleverer als städtische Forensiker*innen…), nicht zuletzt auch zeitgemäße Musikfilme.

In all diesen Subgenres agieren wiedererkennbare Archetypen, die es zu dekonstruieren gilt. Der Bürgermeister, der Naturbursche, die reine Magd, die weise/böse/kräuterwissende Großmutter, der unsensible Altbauer, der nur an die Weitergabe des Hofs denkt, die unangepasste “Heimkehrerin” aus der Stadt, die Unternehmer*in im Dorf, die Ärztin, der Pfarrer usw…

Aus heutiger Sicht ist der Topos Heimatfilm zu erweitern. Er umfasst nicht nur
Edelweiß-Romanze, Wildererepos, Hans Moser im Weißen Rössl, Geier Wally…
sondern auch aktuell politisch besetzte Themen wie: Heimat, ein Ort, der verlassen wurde, ein Umfeld, das niemals oder schwierig zur (neuen) Heimat wurde, Heimat, ein Ort, an den man (nach – unfreiwilliger Abwesenheit) zurückkehrt.

Jedes Bundesland kann zu diesen Subgenres auch spezielle eigene Komponenten und deren inhärente Problematiken beitragen: See, Berg, Schifahren, Wein, Höhlen, Grenzland, sowie auch eigene Kulinaria, Musik, Architektur…

Die Pandemie hat – will man den Immobilienmakler*innen Glauben schenken – ein starkes Interesse an einem Leben abseits von Ballungsräumen generiert. Damit ist ein neuer Blick auf Landschaft, Natur, Biokost und Einfachheit nicht nur hochaktuell, sondern trifft auch einen Nerv. Erwartet wird nicht die rustikale Romantik vergangener Jahre, sondern ein tatsächlich lebbares Ambiente, in dem sich unser aller Leben in seinen vielfältigen Facetten wiedererkennt.

Als wünschenswertes Ergebnis wäre eine Sammlung von einfallsreichen Geschichten anzusehen, denen es gelingt sowohl narrative als auch personelle Stereotypien zu identifizieren und Gegenentwürfe zu konstruieren, die für das Genre Heimatfilm einen neuen Geschmack entwickeln.
Mit der erneuten wollen das Drehbuchforum Wien und das Österreichische Filminstitut dazu beitragen, dass heimische Autor*innen ihre Ideen in einem finanziell abgesicherten Rahmen frei ausarbeiten können, ohne (wie oft üblich) in Vorleistung zu gehen und ohne sich an vermeintlichen Erfolgsrezepten orientieren zu müssen.
Wir hoffen in Folge auch auf das Interesse der Produktionsfirmen und Förderstellen, die entstehenden, mutigen und ungewöhnlichen Geschichten weiter zu unterstützen.

 
 

Jury


Tina Leisch, Film-, Text- und Theaterarbeiterin
Sabine Scholl, Autorin, Essayistin
Anna Schwingenschuh, Drehbuchautorin, Film- und Fernsehmacherin, Haupt-Preisträgerin des Vorjahres
Titus Selge, Drehbuchautor, Regisseur
Weina Zhao, Drehbuchautorin, Filmemacherin, Preisträgerin 2017/18

 
Tina Leisch  FC Chinolope
 
Sabine Scholl
 
Anna Schwingenschuh
 
Titus Selge fotografiert von C. Marquardt
 
Weina Zhao
 
 

Konzept
drehbuchFORUM Wien (Wilbirg Brainin-Donnenberg) in Kooperation mit dem Österreichischen Filminstitut gender*in*equality (Iris Zappe-Heller), VGR Verwertungsgesellschaft Rundfunk und FC GLORIA Frauen Vernetzung Film. Organisation: drehbuchFORUM Wien.

 
 
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