IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT

3. Drehbuchwettbewerb zu Frauen*figuren jenseits der Klischees

Preisträger*innen 2018

Eine Initiative des Drehbuchforum Wien und des Österreichischen Filminstituts/gender*in*equality

Am Montag Abend, dem 12. November 2018, fand im Filmcasino die Preisverleihung der ersten Runde, des zweistufigen Drehbuchwettbewerbs IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT im Filmcasino statt.
Das Drehbuchforum Wien, das Österreichischen Filminstitut/gender*in*equality und
FC GLORIA Frauen Vernetzung Film freuen sich sehr, die Preisträger*innen der ersten Wettbewerbsstufe (vom Exposé zum Treatment) bekannt zu geben:

Iris Blauensteiner mit Gelbe Blätter
Johannes Bültermann mit Die Abwesenden und die Übriggebliebenen
Magdalena Chmielewska und Andreas Schiessler mit Olka
Mario Karner mit Andrea, the Giant
Antoinette Zwirchmayr mit Ich bin mein Versteck

Wir danken dem Österreichischen Filminstitut für die Unterstützung!

 
 

Die hochkarätige Jury hat aus der hohen Zahl von 53 eingereichten Exposés fünf ausgewählt, die mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro ausgezeichnet wurden. Die Auszeichnung schließt eine dramaturgische Begleitung durch erfahrene Drehbuchautor*innen mit ein, die gemeinsam mit dem Preisträger*innen ausgewählt werden.

Die Vielfältigkeit der Frauen*figuren und die Genres der Erzählungen aller eingereichten Arbeiten waren beeindruckend und bestärkend für das Ziel des Wettbewerbs. Unter den Protagonistinnen der fünf Preisträger*innen finden sich eine 14jährige schlaflose, zunehmend zornige Fechterin, die sich von Eltern und Kirche befreit; eine Kriegswitwe in Kiew mit kleiner Tochter, die mit einen Wiener Start-up-Unternehmer in virtueller Intimität von ASMR-Videos zwischen Internet und Realität verbunden ist; eine jugendliche Rächerin und Erlöserin, die in einem „Fritzlkeller“ aufräumt und dabei eine streitbare Figur mit Brüchen und Ambivalenz ist; eine große, muskulöse Krankenpflegerin und ein psychosomatisch krankes Mädchen, die sich dem Wrestling verschrieben haben, um mit ihrem Körper zwischen Fragilität und Stärke klar zu kommen und dem täglichem Mobbing umzugehen; und schließlich vier Frauen einer Familie, die sich in einem kugelförmigen Haus vor der Außenwelt abgrenzen, um sich in einer eigenen Lebenswelt sicher zu fühlen, aber nunmehr mit den gegenseitigen Ansprüchen und Ausbrüchen zu kämpfen haben.

Eine durchgängige Gemeinsamkeit der Figuren ist vielleicht die Bewältigung von Bedrohungen auf verschieden Ebenen, mit denen diese Frauen* versuchen, in unterschiedlicher Weise fertig zu werden. Es sind keine stereotypen Feel-good-Movies und keine „von die ganz die oarmen Frauen“-Dramen, die hier entstehen. Diese Frauen*bilder repräsentieren kritische Standpunkte und aktualisieren in ihrer Vielfältigkeit politische und genderpolitische Positionen, so wie sie von den Autor*innen heute wahrgenommen werden.

Wir danken der fünfköpfigen Jury:

Barbara Albert, Drehbuchautorin und Regisseurin
Nike Glaser Wieninger, Filmemacherin, Kuratorin, Beraterin
Lukas Miko, Schauspieler
Lydia Mischkulnig, Schriftstellerin, Kolumnistin
Lisa Terle, Drehbuchautorin, Preisträgerin des Vorjahres

 
 

Mit einer erneut erfreulich großen Teilnahme geht der Drehbuchwettbewerb If she can see it, she can be it in die dritte Runde. Ganz offensichtlich gibt es viele spannende Ideen und großes Interesse an diesem Thema. Durch den Drehbuchwettbewerb fühlen sich viele Autor*innen ermutigt, bewusst differenzierte Frauen*figuren zu entwickeln und andere Geschichten zu erzählen.

Der 2016 initiierte zweistufige Drehbuchwettbewerb If she can see it, she can be it. Frauen*figuren jenseits der Klischees unterstützt Autor*innen bei der Entwicklung innovativer Frauen*figuren mit dem Ziel mehr Vielfalt, Lebendigkeit und neue Vorbilder in die Drehbücher und damit auch in die österreichischen und internationalen Kinos zu bringen. Mit einer gezielten Förderung von Drehbuchautor*innen bei der Entwicklung von Frauen*figuren jenseits der Klischees wollen das Drehbuchforum Wien und das Österreichische Filminstitut dazu beitragen, dass heimischen Autor*innen ihre Ideen in einem finanziell abgesicherten Rahmen frei ausarbeiten können, ohne (wie oft üblich) in Vorleistung zu gehen und ohne sich an vermeintlichen Erfolgsrezepten orientieren zu müssen. Nach dem großen Erfolg und dem positiven Echo der Branche in den letzten beiden Jahren wird der Drehbuchwettbewerb nun ein drittes Mal durchgeführt.

Aus der hohen Zahl von 53 eingereichten Exposés (davon 79% von Frauen) werden in der 1. Stufe 5 Exposés von einer hochkarätigen Jury, die wir Ihnen bei der Preisverleihung vorstellen, ausgewählt und mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro und einer zusätzlichen dramaturgischen Begleitung prämiert. In der 2. Stufe wählt die Jury aus den fünf entstandenen Treatments den mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreis aus.
Damit ist der Preis einer der höchstdotiertesten Drehbuch-Entwicklungspreise der heimischen Branche und setzt ein klares Zeichen für eine positive Veränderung von Frauen*figuren auf der Leinwand.

Vortrag von Sibylle Hamann
Unter dem Titel „Sichtbar – unsichtbar“ lieferte die österreichische Journalistin und Autorin Sibylle Hamann eine treffende Analyse der systemimmanenten Hindernisse für Frauen und richtete sich mit einem Pamphlet an die Autor*innen, sich nicht von patriachalen Strukturen vom kreativen Weg abbringen zu lassen.

Nachhören können Sie den Audio-Mitschnitt des Vortrags auf unserer Website >

Musik: Martina Claussen (Sängerin und Komponistin, Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst)

Im Anschluss luden wir zu Cocktails, Wein und kleinen Imbissen.

 
 

Die erfreulich große Teilnahme am Drehbuchwettbewerb der letzten beiden Jahre (85 und 77 Einreichungen, mit einem Frauenanteil von jeweils rund 75%) und das enorme Echo waren ein wichtiges Zeichen an die Branche. Es gibt ganz offensichtlich viele spannende Ideen und großes Interesse am Thema. Durch den Drehbuchwettbewerb fühlten sich viele Autor*innen ermutigt, bewusst differenzierte Frauen*figuren zu entwickeln und andere Stoffe zu erzählen.
Mit einer gezielten Unterstützung von Drehbuchautor*innen bei der Entwicklung von Frauen*figuren jenseits der Klischees wollen das Drehbuchforum Wien und das Österreichische Filminstitut dazu beitragen, dass heimische Autor*innen ihre Ideen in einem finanziell abgesicherten Rahmen frei ausarbeiten können, ohne (wie oft üblich) in Vorleistung zu gehen und ohne sich an vermeintlichen Erfolgsrezepten orientieren zu müssen.

Der Drehbuchwettbewerb IF SHE CAN SEE IT, SHE CAN BE IT°) wird zusätzlich zu den gut dotierten Preisgeldern und der dramaturgischen Begleitung der Preisträger*innen auch 2018 wieder ein Pitching mit Produzentinnen von 16-18 Stoffen aus der Shortlist beinhalten, um möglichst vielen der für den Wettbewerb entwickelten Einreichungen einen guten Start in die Drehbuchentwicklung zu geben.

Der zweistufige Drehbuchwettbewerb richtet sich an die österreichische Filmbranche. Einreichberechtigt sind Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren, Nachwuchsautorinnen und Nachwuchsautoren österreichischer Nationalität oder EWR-Bürger*innen mit ständigem Wohnsitz in Österreich.

Einzureichen waren Exposés für abendfüllende Kino-Spielfilme mit mindestens einer zentralen Frauenfigur

Die Einreichfrist endete 5. September 2018.

Preisgeld
1. Stufe: 5× 5.000 Euro und dramaturgische Begleitung zur Entwicklung eines Treatments
2. Stufe: 1× 15.000 Euro und dramaturgische Begleitung zur Entwicklung eines Drehbuchs

Den ausgewählten Autor_innen wird die erste Hälfte des Preisgeldes bei Auswahl, die zweite Hälfte bei Fertigstellung des Treatments, in der zweiten Stufe bei Fertigstellung des Drehbuchs ausbezahlt.

Zeitplan
1. Stufe
Einreichungsfrist 5. September 2018
Anfang November: 1. Jurysitzung
12. November: 1. Preisverleihung
28. November: Pitching mit Produzentinnen

2. Stufe
Mitte Mai 2019: Abgabe Treatments
Ende Mai 2019: Hauptpreisverleihung

¹⁾ Hier finden Sie den Österreichischen Film Gender Report (2012-2016) >

²⁾ Geena Davis leistet seit Jahren mit den vielfältigen Aktivitäten ihres Institute on Gender in Media wichtige Beiträge. If she can see it, she can be it, das Motto des Geena Davis Institute on Gender in Media, haben wir aus diesem Grund als Titel des Drehbuchwettbewerbs gewählt.

 
 

Die Preisträger*innen der 1. Wettbewerbsstufe

 

Iris Blauensteiner
für Gelbe Blätter

Jurybegründung
Die ausgezeichnete Autorin erzählt eine (un)mögliche Liebesgeschichte zwischen Ost und West im neoliberalen Zeitalter – unprätenziös, mit ebenso großer Klarheit wie Zartheit für ihre Figuren. Es ist die Geschichte einer Frau, die genau so existieren könnte, deren Sorgen, Sehnsüchte und Stärken aber unvorstellbar blieben ohne diesen Film. Frauen wie Yulia sind unsichtbar. Sie stehen außerhalb jeder medialen Wahrnehmung und jeder Aufmerksamkeit. Die Entscheidung der Jury favorisiert somit weniger die Geschichte einer idealisierten Heldin des Feminismus als die filmische Erzählung einer „Heldin des Alltags“ unter den Bedingungen des kriegerischen Ukraine-Konflikts.
Yulia, eine Kriegswitwe in Kiew, die kaum etwas hat, außer einer kleinen Tochter und ihrer Mutter, mit der sie auf engstem Raum in einer Hochhaussiedlung lebt, (und die anderen Kriegsgeschädigten selbstverständlich, nebenbei und unentgeltlich hilft) trifft – online – auf Arthur aus Wien, den vermeintlich bessergestellten Berufsnomaden und getriebenen start up Unternehmer, den seine beruflich bedingten Aufenthalte an sterilen Unorten von sich selbst entfremdet haben. Poetisch und humorvoll entsteht zuerst virtuelle Intimität, vielleicht auch nur Scheinintimität, wie sie millionenfach auf den youtube Kanälen der boomenden ASMR Videos zelebriert und konsumiert wird. Nicht unbedingt das Sehen setzt die virtuelle Annäherung in Gang, sondern das Hören, das Flüstern, Rascheln, Streichen des Mikrofons durch eine oder einen Unbekannten. Diese Form der online video clips, durch die beide Hauptfiguren einander begegnen, eröffnet Möglichkeiten, von wirklichen Berührungen, Annäherungen UND vom Scheitern von Annäherung zu erzählen. Zwei Begegnungen, eine in Wien, eine in Kiew, in der Realität des jeweils Anderen und geprägt von den ökonomischen Bedingungen der beiden scheinbar gegensätzlichen Leben, schildern Nähe und Entfernung. Sinnlich und poetisch formulierte Fragen hallen noch lange nach der Lektüre nach: wie beeinflusst unsere technische Kommunikation unseren Umgang miteinander? Was bedeutet Nähe und Intimität im virtuellen Raum? Oder um mit den Worten aus dem Statement der Autorin zu sprechen: wo und wie ist Wärme zwischen digitalen Illusionen und echten Begebenheiten vice versa möglich.
Von diesen Möglichkeiten bald filmisch erzählen zu dürfen wünschen wir von ganzem Herzen Iris Blauensteiner für ihr Exposée Gelbe Blätter. Herzlichen Glückwunsch! 

Gelbe Blätter
Gelbe Blätter ist eine zarte, warme Geschichte über die Anziehung zwischen Yulia, 32, und Arthur, 32. Nachdem sie sich online kennengelernt haben, besuchen sie einander in Wien und Kiew. Sie wagen mit ihren Wahrnehmungen der zerbrechlichen Beziehungen zwischen Internet und Realität ehrlich zueinander zu sein und sind überrascht, dass das, was sie tief verbindet nicht in der gemeinsamen Gegenwart, sondern in beider Vergangenheiten liegt.

Iris Blauensteiner
Geboren 1986 in Wien, lebt ebenda.
2016 Diplom an der Akademie der bildenden Künste Wien (Kunst und digitale Medien)
2011 Diplom der Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien
2009/10 Studium an der Universität für Angewandte Kunst Wien (Sprachkunst)
Filme (Auswahl): die_anderen_bilder, Rast, Schwitzen
Preise (Auswahl): Förderpreis für Literatur der Stadt Wien 2018, ArtStart-Stipendium (Akademie der bildenden Künste Wien) 2018, Startstipendium für Filmkunst des BKA 2014.

 

Johannes Bültermann
für Die Abwesenden und die Übriggebliebenen

Jurybegründung
Was macht eine starke Frau aus? Genau das, was auch einen starken Mann und jeden starken Menschen ausmacht. Radikalität, im Wortsinn, in Haltung und Handeln bei der Verteidigung menschlicher Integrität.
Jede Zurichtung, um auf den Platz einer Gesellschaft verhaftet zu werden, ist für die Protagonistin abzuweisen. Die Nötigung sich zu fügen und sich an die Häme zu gewöhnen, die von autoritären Mechanismen im Arbeitsleben und den ökonomischen Bedingungen ausgehen, erzwingen ihren Aufruhr gegen die Unterwerfung. Im auserkorenen Exposé wird die Geschichte einer Erlöserin, ganz im Tarantino-Motiv der Rachegeschichte, vorgeführt. Sie spitzt eine dystopisch anmutende Welt zu und verwandelt sie in einen Augenblick der Hoffnung. Die familiären Verhältnisse sind belastet, von Anfang an.
Aber die wehrhafte junge Frau befreit sich nicht nur aus dem Gefängnis der sozialen Zwänge, sie bricht auch mit der Mutter. Diese kapiert, dass ihre Taktik, die junge Frau zu bändigen, den Verrat am Potential der Tochter darstellt. Sie zerreißt auch die empathischen Umschlingungen. Sie ist eine tobende Rächerin gegen die Ungerechtigkeit, gegen die Ordnung jeder starren Konvention. Sie tobt, schlägt zu, greift zur Gewalt, immer zugunsten des Guten. Das klingt paradox- und so ist es auch. Die Gewalttätige ist gut. Sie bricht nicht nur aus sondern auch ein. Und zwar in die Unzumutbarkeit einer Kinderwelt, wo Verwahrlosung, Hunger und Trauer herrschen unter der Tyrannei eines vergewaltigenden Vaters. Ihm werden Hören und Sehen vergehen, sobald die Rächerin die Fritzelbude aufräumt. Der Racheengel ist aus Fleisch und Blut und er ist weiblich. Die Hoffnungsträgerin ist eine streitbare Figur mit Brüchen und Ambivalenz. Sie ist stets in Gefahr, am Grat des Gerechtigkeitsempfindens balancierend, in Selbstgerechtigkeit abzustürzen. Dieser Konflikt erzeugt die Spannung ihrer Bewusstheit, die sich in Stella zeigt. Vielleicht gelingt ihr die Sehnsucht nach Geborgenheit im Happy End durch ein Never-Ending ihrer Haltung aufzuheben. Wir gratulieren Johannes Bültermann zu seinem Projekt Die Abwesenden und die Übriggebliebenen.

Die Abwesenden und die Übriggebliebenen
Ein gewalttätiges Mädchen erfährt, dass ihre alkoholkranke Mutter sie ins Heim stecken will und reißt mit ihren Hund aus. Nach einiger Zeit auf der Straße und der Suche nach Anschluss, findet sie Unterschlupf in einer Barackensiedlung und trifft auf eine Gruppe verwahrloster Kinder, deren übergriffiger Vater sie schließlich in die Flucht schlägt. Als sie die Kinder nicht mehr erhalten kann, kehrt sie mit der Kinderschar in das Haus ihrer Mutter zurück und gründet eine neue Familie – deren Oberhaupt sie nun ist. Schwarzhumoriges Sozialdrama über die Schwierigkeiten in einer unmenschlichen Welt zusammenhalten.

Johannes Bültermann
1988 in Graz geboren, lebt in Wien. Arbeitet derzeit in verschiedenen Positionen für Film- und Werbefilmproduktionen in Österreich, u.a. als Set-Aufnahmeleiter und Regieassistent. Studierte MultiMediaArts an der FH Salzburg und war anschließend Gaststudent für Regie an der HFF München. Daneben arbeitete er für Filmproduktionen in Frankreich, Spanien, Deutschland und Österreich. Parallel entstehen 10 eigene Kurzfilme. Teilnehmer der Drehbuchklausur Baden 2018.

 

Magdalena Chmielewska und Andreas Schiessler
für Olka

Jurybegründung
Ein 14jähriges Mädchen, getrieben, schlaflos, ruhig nur mit dem Degen in der Hand.
Ständig in Bewegung, kein Mensch, ein „Humanoid“; so definiert sie sich selbst.
Ein Mädchen, das zwischen den Eltern steht, in einer unverständlichen, sie abstoßenden Welt.
Eine junge Frau auf der Suche nach der oder dem Schuldigen für ihre ungerichtete Verzweiflung, die sich an einen Dritten hängt, der ihre Gefühle jedoch nicht erwidern kann, weil er nicht auf Mädchen steht. So wie er ist auch keine andere Figur eindimensional gezeichnet in diesem Geflecht der sich voneinander abhängig-machenden Menschen.
Die junge Frau fordert ihre Umgebung heraus. Sie ist wütend, eckt im Firmunterricht an, zersticht Autoreifen, betrinkt sich, verwüstet das Haus ihres Vaters. Macht sich über den einzigen Menschen, von dem sie Zärtlichkeit möchte, lustig, zwingt ihn, sie in seinem Bett übernachten zu lassen, wird übergriffig. Verletzt ihre Fechtkollegin, masturbiert, um sich zu entspannen. Ungerecht behandelt fühlt sie sich, und alleine. Mit den Erklärungen und Lebenskonzepten der Erwachsenen gibt sie sich nicht zufrieden. In deren Welt, geprägt von Arbeit und katholischer Kirche, sieht sie keinen Halt.
Sie ficht, im wahrsten Sinn des Wortes. Nicht nur mit dem Degen, sondern gegen die Welt, um geliebt zu werden. Nie ist sie dabei Abziehbild, sondern immer authentische, nachvollziehbare und liebenswürdige Figur; menschlich, wie alle Figuren an ihrer Seite.
Die AutorInnen bieten keine einfachen Erklärungen an, sondern nähern sich in wahrhaftigen Momenten einer Lösung, die die Hauptfigur zuletzt wohl nur in sich selbst finden kann. Wenn die Mutter am Ende ihre Tochter um eine Massage bittet, liegt in diesem so einfachen, wie puren Moment gleichermaßen Zärtlichkeit wie unüberbrückbare Distanz. So ist die authentische Beschreibung der Figuren immer ambivalent, durchdrungen von Zuneigung und Angriffsflächen.
Ausgezeichnet werden Magdalena Chmielewska und Andreas Schiessler für ihr Exposé Olka, das einen visuell starken, realitätsnahen wie pulsierenden Film verspricht.


Olka
Die 14-jährige Olka hat zwischen ihren sich scheidenden Eltern den emotionalen Halt verloren und ist schlaflos. In der Fechtgruppe verausgabt sie sich bis zur totalen Erschöpfung. Mit dem Degen in der Hand erkämpft sie sich ihren Weg durch ihre auseinanderbrechende Familie, auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und Schlaf.

Magdalena Chmielewska
freischaffende Regisseurin, wohnhaft in Wien. Schnitt- und Regiedoppelstudium an der Filmakademie Wien sowie Drehbuchaufbaustudium an der Wajda Master School of Directing in Warschau. Magistra an der angewandten Linguistik. Ihr Kinokurzfilm Gretchen am Spinnrade, den sie in der Klasse von Michael Haneke entwickelt hat, gewann den Publikumspreis im online Songbook Wettbewerb auf ARTE und wurde zu zahlreichen internationalen Filmfestivals eingeladen. Während ihres Filmstudiums gewann sie das Leistungsstipendium am Departement für visuelle Kunst an der Unitversitat de Barcelona. Ihr Kurzfilm Am Himmel wurde soeben von der Deutschen Filmakademie für den First Steps Award nominiert.

Andreas Schiessler
Geboren in Wien, aufgewachsen in Zurndorf
Gedenkdienst an der NS „Euthanasie“ Gedenkstätte Hadamar, Studium der Hungarologie, Philosophie, Sprachwissenschaft und Politikwissenschaft an der Universtität Wien, Masterstudium Drehbuch und Dramaturgie bei Götz Spielmann an der Filmakademie Wien.
Literar Mechana Drehbuchstipendiat 2017, Gewinner First Steps Masterclass & Branchenpitching

 

Mario Karner
für Andrea, the Giant

Jurybegründung
Gemessen an Mainstreamvorstellungen wie Männer und Frauen auszusehen haben, ist Andrea zu groß, zu breit, zu wenig feminin. In ihrem Berufsleben als Pflegerin in einem Krankenhaus arbeitet sie ruhig und konzentriert, scheinbar unbeirrt von den Anfeindungen ihrer Kolleg_innen. Die neugierige und phantasievolle Lisa geht in die Hauptschule, sie leidet an unerklärlichen Schmerzen. Von ihrer Mutter erfährt sie vor allem Aufmerksamkeit und Zuneigung wenn ihr etwas fehlt; sie Krankheitswertiges produzieren kann. Aus Angst vor Ansteckung vermeidet sie es, ihren eigenen Speichel zu schlucken. Ihre Spucke landet in ihrer Kleidung. Klar, dass sie von ihren Mitschüler_innen gemobbt wird. Beide Außenseiterinnen fühlen sich zum Wrestling hingezogen. Andrea trainiert tagtäglich im Fitnessstudio um Kontrolle über ihren Körper zu gewinnen. Lisa stellt mit Barbiepuppen Wrestling-Kämpfe nach. Spielerisch entflieht sie so den schulischen und häuslichen Zumutungen. Das ist die Ausgangssituation.
Der Autor eröffnet seinen Protagonistinnen ein visuell ergiebiges Experimentierfeld, in dem er sich sehr gut auszukennen scheint. Es gibt darin zwar eine Trennung zwischen Gut und Böse, aber das Gute muss nicht rein und edel sein und das Böse darf auch bewundert werden. Es geht nicht nur ums Einstecken sondern auch ums Austeilen – und „richtiges Fallen“ ist wichtig. Die Welt des Wrestlings entfaltet Magie; sie fungiert sowohl als Ausgangspunkt für Tagträume als auch als Absprungrampe für Veränderungen, die frau selbst in Gang setzen muss. Eine Geschichte von Selbstermächtigung, Freundschaft zwischen Ungleichen, von Körpern in ihrer Fragilität und ihrer Stärke. Das eine erwächst aus dem anderen.
Aber was im Ring wirklich echt ist und was nicht, ist nicht einmal für erfahrene Zuschauer_innen leicht zu erkennen.
Ein Wrestling-Kampf braucht ein gutes Drehbuch – so wie auch ein Film. In diesem Sinne gratulieren wir Mario Karner zum gelungenen Exposé Andrea the Giant.


Andrea, the Giant
Eine neurotische Teenagerin und eine gemobbte Wrestlerin rebellieren gegen ihr soziales Umfeld. Bodybuilderin/Pflegerin Andrea, die wegen ihres maskulinen Äußeren abfällig Andi gegannt wird und die von ihrer Mutter unterdrückte, neurotische Teenagerin Lisa lernen sich im Zuge von Lisas Krankenhausaufenthalt kennen. Ihre gemeinsame Liebe zum Wrestling lässt ihre Freundschaft erblühen, die ihnen schlussendlich Kraft gibt gegen Mobbing, Unterdrückung und Krankheit anzukämpfen. Ihre Reise gipfelt in einem großen Wrestlingkampf.

Mario Karner
Lebt als freier Autor in Wien. Schon seit jeher unterhielt er gerne mit Geschichten, anfangs noch unbezahlt. Karner studierte Publizisitk- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien, nebenbei quälte er sich durch diverse Jobs, unter anderem als Stofftier verkleidet auf Kindermessen. Danach absolvierte er das Multimedia Kolleg an der Graphischen in Wien.
Im Juli 2014 begann er als Autorenpraktikant bei Constantin Entertainment in München, im Januar 2015 arbeitete er als Assistenzautor und schrieb danach als Juniorautor für die Formate „Im Namen der Gerechtigkeit“, „Verbrechen aus Leidenschaft“, „Einsatz in Köln“ und „Schicksale“. Ende 2015 kam Karner zurück nach Wien um als freier Autor zu arbeiten.

 

Antoinette Zwichmayr
für Ich bin mein Versteck

Jurybegründung
Mit Reflexion und surrealen Assoziationen spielend eine Geschichte zu erzählen ist eine Herausforderung des vorliegenden Stoffes.
Normierte Vorstellungen davon, wer wir sind und in welcher Realität wir leben, entziehen sich den Prinzipien, die dieses filmische Experiment aufstellen will, und weichen einer stets in Wandlung begriffenen Fluidität, die uns zwingt, ganz genau hinzusehen und unsere eigenen vertrauten Konzepte in Frage zu stellen.
Vier Frauen unterschiedlichen Alters führen ein geschütztes Dasein in einem utopischen Haus, das als uteriner Rückzugsort, aber auch als Gefängnis verstanden werden kann. Dort sind sie sicher vor der undefinierten Bedrohung der Außenwelt, aber nicht vor sich selbst. Ihre verwandtschaftlichen Strukturen und das Verankertsein in einer Lebensgemeinschaft, die nur ihr Wohlergehen im Sinne zu haben scheint, bewahren sie nicht vor ihren unaufhaltbaren Individualisierungsbestrebungen. Der Ausbruch wird unvermeidlich, die sowohl nährende aber auch erstickende Membran der heimischen Gebärmutter gesprengt.
Schlussendlich bedeutet die Selbstumkreisung eines Ichs aber nicht nur Erkenntnis über sich selbst zu gewinnen, sondern lotet im Prozess auch die umhüllenden Sphären von Raum und Gesellschaft aus.
Von einer klaren visuellen Vision geleitet führt uns die Autorin in entrückten, bedrückenden oder berauschenden Bildern durch eine Mischung aus kammerspielartigem all female – Familienpsychogramm und einer psychedelischen Reise in uns selbst.
Kino ist mehr als Konvention und Massenware. Herauszutreten aus dem Wohlvertrauten, hinaus in den augenscheinlich leeren Raum, ohne zu wissen, ob sich dabei ein haltgebender Boden unter den Füßen auftut, ist nicht nur für die Protagonistinnen des ausgewählten Exposés eine lebensnotwendige Handlung, sondern auch für das Filmemachen selbst.
Das Eingehen eines kreativen Risikos ist gerade in Zeiten wie diesen ein radikaler Akt. Gelingt er, kann Neues und Faszinierendes geboren werden. In diesem Sinne wünschen wir der Autorin weiterhin viel Mut beim Verfolgen und Ausformen ihres waghalsigen und ungemein spannenden Vorhabens. Wir gratulieren Antoinette Zwirchmayr mit Ich bin mein Versteck!


Ich bin mein Versteck
Ein rundes, gefräßiges Haus, das seine Bewohnerinnen zu verschlingen droht. Vier Frauen bauen allein und gemeinsam kugelige Sphären. Machtloses Machstreben, souveräne Ohnmachtserfahrungen, Gestaltungswisse, Ausbruchsphantasien und Geborgenheitssehnsüchte entwickeln ein paradoxes Spiel, in denen sich die Sphären verformen, überschneiden und ganz eigene Bahnen durchschweben.

Antoinette Zwirchmayr
2011-17 Akademie der bildenden Künste Wien (Video und Videoinstallation)
2009-15 BA Studium der Romanistik an der Universität Wien (Spanisch)
2010-11 Schule Friedl Kubelka – unabhängiger Film
2009-10 Schule Friedl Kubelka – künstlerische Photograhie
Preise / Stipendien: Förderpreis für Kunst & Kultur, Stadt Salzburg 2018, Startstipendium Filmkunst BKA 2017, Diagonale Preis für Innovativer Film 2016, Diagonale Preis für Kurzdokumentarfilm 2014, Birgit Jürgenssen Preis 2013

 
Sibylle Hamann
 
 
 

Jury


Die hochrangige Jury setzt sich wie folgt zusammen:

 
 
 
 
 
 
 
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